Ich habe eine Hütte im Wald, unweit des Flusses, im Oderbruch

Wie Ölbäume schimmern die Weiden
blaugrün und zitternd die Pappeln ahmen Zypressen nach
dunkler, dunkler, vertieft eure Schatten
der Wind übt Fall und Flug seines Bruders Mistral
(Sarah Kirsch)

Meine Hütte am Wald liegt im Oderbruch, am Rande Deutschlands, an der Grenze zu Polen. Ich bin dort geboren und deswegen ist es meine gefühlte Heimat. Ich wollte nach der Wende einen alten Zirkuswagen mit rundem Dach und stabilen Wänden. Stattdessen überraschte mich mein Vater mit einem Sonderangebot, das preisinklusive noch ein Toilettenhäuschen barg. Meine Hütte wurde nun ein alter Duschwagen vom Bau. Nach der Wende sah man diese rosafarbenen, mit einem kleinen Spitzdach versehenen Pappbauwagen überall herumstehen, der Prototyp der Massenästhetik made in DDR, so erschien es mir damals. Inzwischen bin ich versöhnt, mein Bauwagen ist komplett neu aufgebaut, gedämmt mit Holzwänden innen und außen und einem grünen Metalldach, überwuchert von Efeu, Rosen, Hopfen und Geißblatt, Rehe knabbern im Winter daran. Eines Nachts im Winter erwachte ich, weil der Wagen bebte. Vor meinem Schlafzimmerfenster standen drei Rehe, von denen sich zwei am Efeu gütlich taten. Der Bock witterte nach allen Seiten und schirmte die beiden Ricken vermeintlich gegen Gefahren ab. Ich hatte das Fenster hinter ihm geöffnet, wäre das Mückengitter nicht gewesen, hätte ich ihn beim Gehörn schütteln können, er ahnte das nicht, meine Witterung erreichte ihn nicht, es war zum Totlachen.

Unter dem Wagen kann man alles verstauen, was so anfällt im Laufe der Jahre, Baumaterial, Kohlen etc., Klappen verstecken es. Vor ein paar Jahren hörte ich gegen Morgen öfter ein rhythmisches Stöhnen, lustvoll, schien es mir. Mutter und Tante, die um Pfingsten oft ein paar Wochen Heimat bei mir genießen, sahen in der Zeit drei kleine Waschbären unter dem Wagen verschwinden. Sie schwören, die Kleinen hätten laut „Mama, Mama“ gerufen; die Jäger schießen die Waschbären, weil sie sie für Schädlinge halten und diese Spezies bei uns nicht alteingesessen ist. Wie viele Migranten werden sie aber bei uns dauerhaft sesshaft werden. Auch ich bin hugenottischer Abstammung, ohne die Hugenotten und andere Einwanderer wäre die „deutsche“ Kultur ärmer.

Die Hütte liegt 70 km entfernt von Berlin, d. h. wenn ich nicht in Berlin arbeiten muss und frei habe, bin ich in gut zwei Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln dort. Ich schließe die Tür auf und öffne die Läden. Im Winter ist es eiskalt. Wir haben dort nicht selten Wintertemperaturen von minus 20 Grad. Eingehüllt in Mantel und Decken, bereite ich die Öfen vor, hole Holz vom Unterstand und versuche ein bisschen Wasser für Tee warm zu machen. Das Wasser ist im Winter abgestellt und ich muss immer ein, zwei Eimer zur Reserve im Haus haben. Damit ich, falls meine Nachbarn und Verwandten nicht da sind, einen Tag überbrücken kann.

Wenn es so kalt ist wie im Moment, muss ich beide Öfen anmachen. Der eine, eine Art portugiesischer Kanonenofen, heizt das 5 qm kleine Schlafzimmer. Der andere, ein bewährter kachelummantelter 60er-Jahre-Veteran, die 16 qm von Küche und Salon. Das Schlafzimmer liegt tiefer in einem Anbau und deshalb steigt die Wärme auf und erwärmt zusätzlich die Wohnräume im Bauwagen.

Die Öfen arbeiten nun. Wenn ich immer wieder Holz nachlege und mit Kohlen die Wärme halte, wird die Hütte 25 Grad warm. Dann ist es oft zu heiß und man muss wieder die Tür öffnen um nicht zu schwitzen. Morgens ist es dann wieder ziemlich kalt. Ich bibbere auf dem Weg zum Holzstoß.

Im Sommer ist es umgekehrt, dann erwärmt oft die Sonne die Hütte so, dass ich nachts bei offenem Fenster, durch Mückengitter geschützt und nur mit einer leichten Decke bedeckt, versuche zu schlafen. Im Mai und Juni höre ich dann die Nachtigallen, die bei uns zwar Sprosser heißen und nicht ganz so schluchzend singen; zusammen mit dem Duft des blühenden Akazienwaldes ist es aber jedes Jahr wieder ein unvergessliches Erlebnis.

Draußen beschützen meine Hängematte jahrzehntealte Fichten und drei jahrhundertealte Eichen. Beide Arten stellen die Verbindung her zur Vergangenheit. Erstere standen schon auf unserer alten Kuhweide, als ich in den fünfziger Jahren ein Kind war. Letztere reichen in Zeiten zurück, bevor mein Großvater hier Förster war, der viele Eichen unter Naturschutz stellte. Manchmal denke ich, meine Ahnen sitzen in den Bäumen und haben ein Auge auf mich. Im Zweiten Weltkrieg befand sich hier und auf den Seelower Höhen die Front, zehntausende sowjetische und deutsche Soldaten starben; zwei Wochen später war Hitler tot und der Krieg zu Ende. Nicht selten, dass man große Knochen findet. Der Ungeübte erkennt nicht sofort, ob Pferd, ob Mensch. Immer wieder in all den Jahren wunderte ich mich: wie kann es sein, dass trotz so vieler Tote, die ja schreiend und jämmerlich gestorben sind, so viel Schönheit und Ruhe über der Landschaft liegt?

Einmal ging ich über den Höhenweg im Frühherbst. Über der Oder war der Himmel indigofarben. Davor alte Pappeln, deren silbrige Blätter der Wind bewegte, und rote Hagebutten. Irgendwann in jenem Herbst sah ich dort riesige Gänseschwärme auf einem Feld sitzen, alle die Brust Richtung untergehender Sonne, den letzten wärmenden Strahlen zugewandt. Später fand ich in einer von meinem Vater aufgezeichneten Geschichte dasselbe Bild: dasselbe Feld, ebenfalls Gänse, 50 Jahre früher.

Viele Jahre ging ich zu Fuß immer wieder die historischen Pfade; die Frankfurter Straße, den alten Handelsweg durch den Wald, der an den Wallbergen, Slawenburgen aus dem 7. Jh., vorbeiführt. Schneeglöckchenfelder, Lungenkraut, Maiglöckchen, Winterlinge, Schlüsselblumen im Frühling, dazwischen manchmal Morcheln, die seltenen Adonisröschen. Ein alter Friedhof am Rande des Waldes bedeckt von blauen Cylla. Ich kannte eine im Krieg zerschossene alte Buche, auf der Schwarzstörche nisteten, die der Förster fürsorglich bewachte.

Aus all der Schönheit, die ich sah, entstand eine Idee. Ich begann Blumen nicht mehr nur für mich zu pflücken, sondern für die Städter in Berlin. Ich stellte sie in Komplementärfarben zusammen, lila Wiesensalbei und grüngelbe Wolfsmilch; gelber Raps und lila Rittersporn; weiße Margeriten, roter Mohn und blaue Kornblumen. Manchmal nahm ich Gartenblumen dazu, orange Ringel- zu blauen Kornblumen, rosa Pfingstrosen oder gelbe Sonnenblumen zu lilablauem Ackerrittersporn, Lupinen zu Akeleien, Arme voll. Später im Jahr rote Hagebutten und blaue Schlehen zu Zinnien, eine Explosion der Farben. Ich transportierte die gebundenen Sträuße in einem Korb im Zug, manchmal verkaufte ich sie schon dort, weil sie den Menschen gefielen. Und schmückte den Platz vor dem Weinladen in meinem Kiez, in dem ich zweimal wöchentlich arbeitete, mit käuflichen Blumenmeeren. Zwanzig Sträuße wöchentlich in der Saison sicherten mir die Fahrtkosten des ganzen Jahres ins Oderbruch. Ich achtete meine Blumen und arbeitete deshalb anders als normale Blumenhändler, die die Hälfte ihrer Ware wegwerfen. Wenn mal ein Strauß übrig blieb, verschenkte ich ihn an Freunde. Weil ich teilweise 20 km weite Runden mit dem Fahrrad machte, um die jeweiligen Sorten zu finden, hatte ich natürlich eine andere Beziehung zu den Pflanzen als der Großmarkteinkäufer. Es gibt verlassene verfallende Höfe im Oderbruch, auf denen zu bestimmten Zeiten vor Jahrzehnten gepflanzte Stauden blühen. Ich kenne eine riesige rosarot blühende Japanische Quitte, die womöglich außer mir und Millionen von Bienen niemand mehr aufsucht. Auf einem anderen ehemaligen Siedlungsgrundstück steht ein herrlicher doppelter lila Flieder und zur selben Zeit blühen hunderte Akeleien. Irgendwann entstand daraus ein kleiner Film des rbb. Man hatte sich an Einwohner meines Dorfes gewandt und sie nach einem „Original“ gefragt. Das war dann ich, blumenpflückend und -bindend werde ich in unserer herrlichen Oderlandschaft porträtiert.

Einmal sehe ich mich Ende der Neunziger im Winter den Oderdeich entlangradeln und alte Alleebäume zählen: … vierhundertzweiundzwanzig, vierhundertdreiundzwanzig … das große Oderhochwasser und der drohende Deichbruch hatten zu europäischem Geldsegen geführt: die Deiche sollten erneuert und gegen Jahrhunderthochwasser befestigt, die 1000 jahrhundertealten Eichen, Eschen und Ahörner abgeholzt werden. Ich warb um die Unterstützung von Dorfbewohnern, ich wollte Deichschutz unter Erhalt der Bäume, ich traute mir eine Rettungsaktion zu, auch weil ich jahrzehntelange Erfahrung im Retten von Bäumen in Berlin hatte. Zuerst spürte ich den alten DDR-Geist: „Das bringt doch nichts, die machen ja doch, was sie wollen“. Schließlich wurden wir eine schlagkräftige Bürgerinitiative mit starker Unterstützung durch die Bevölkerung und regelmäßiger wohlwollender Berichterstattung durch Zeitungen und Fernsehen. Wir banden uns an Bäume und es gab Fahrradsternfahrten und Kutschfahrten mit Akkordeon aus der ganzen Gegend zum Deich. Wir wurden gelobt als Initiative, die nicht nur ihren eigenen Vorgarten schützt. Die Presse wusste wohl nicht, dass für die Mehrzahl von uns der eigene Vorgarten gefühlt bis zur Oder reicht. Weit mehr als die Hälfte der Bäume stehen heute noch und das Amt pflanzt sogar nach! Es war eine beglückende Erfahrung: einer meiner Mitstreiter war durch meinen Großvater als Kind für Bäume sensibilisiert worden, zwei waren Kinder eines Gärtners, der mit meinem Großvater befreundet war, einer war der Urenkel des alten Grafen, der vermutlich die Bäume hatte anpflanzen lassen und bei dessen Familie mein Großvater als Förster bis zum Krieg angestellt war. Und so saßen die Alten gewissermaßen wieder bei uns auf den Bäumen. Und die Jungen konnten in der Presse nachlesen, dass man zumindest versuchen kann, sich zu wehren - und dass es im Fall der alten Allee am Oderdeich erfolgreich war.

Bei aller Tragik, die das Oderhochwasser auch für unsere Gegend fast gehabt hätte: jenseits des Deiches war ein wunderschönes Meer, aus dem die Kronen alter Schwarzpappeln herausguckten, die sich im Wasser spiegelten. Einmal gingen wir, Gunda und ich, um das Schauspiel zu sehen den Deich entlang, eingemummt bis über die Ohren, die Mücken waren eine Plage. Ich hörte Sägen und wies meine Begleiterin darauf hin. Bis ich plötzlich innehielt und meine Wahrnehmung infrage stellte. Wer außer mir sägte heutzutage noch mit einer Bügelsäge per Hand? Wir gingen dem Geräusch nach – und da waren sie, Biber, die angesichts der Wassermassen schnellstens versuchten ihre Dämme zu verstärken und in wahnsinnigem Tempo Bäume fällten.

Ich habe seit letztem Jahr einen Kajak – und ich wünsche mir noch einmal ein Sommerhochwasser mit Überschwemmungen, damit ich auf diesem damals gesehenen „Meer“ über den Oderwiesen paddeln kann. Vielleicht … bis dahin fahre ich mein Boot mit Fahrrad und Anhänger bis zu einer Lanke, die mit der Oder verbunden ist und bei der nachts der Schäfer seine Herde lagert. Die Lanke ist nicht groß, aber mein ganzes Glück. Im letzten Jahr sah ich dort eine brütende Wildgans, viele Enten, manche mit rotem Kopf, und Schwäne führten ihre Jungen schwimmend spazieren, manchmal fischen Graureiher am Rand. Und manchmal auch Angler. Ich habe die rosa Dolden der Schwanenblume gesehen und gelben Alant, Wasserknöterich und weiße Seerosen, die gelben nennen wir Mummeln. Es war ein bisschen schwierig im Vorfeld, bis ich das erste Mal mein Boot ins Wasser bringen konnte. Einmal hatte ich es mit einem Spanngurt festgemacht und kriegte den Spanngurt nicht auf! Um Hilfe angesprochene Fahrrad fahrende Männer auf dem Deich (Städter!) fragten: „Spanngurt?“ und ich konnte hören, dass ihnen ein solcher so fremd war wie mir. Also die ganzen drei Kilometer wieder zurück und mir ein für alle Mal erklären lassen, wie es geht. Als ich nach mehreren Anläufen dann das erste Mal den grüngelben Einerkajak in die Lanke setzte, weinte ich, weil es nun endlich geklappt hatte. Es kam ein sehr dicker grüngelber Fisch gucken, was denn da für ein riesiger Rivale seine Kreise stört – oder bereichert? Ein anderes Mal fiel mir leider mein Fernrohr hinein. Und anfangs fiel auch ich beim Versuch, zum Pinkeln auszusteigen, gelegentlich rein. Es war nicht schlimm, es war Sommer und die Lanke eignete sich schon in meiner Kindheit zum Baden. Inzwischen mache ich mir pinkeltechnisch keinen Stress mehr, sondern führe einen Schwamm mit mir. Manchmal aber lande ich an auf der Wiese, wilde Minze duftet, Baumleichen liegen herum, auf denen man sitzen kann.

Vor der großen Hitze mit avisierten 36 Grad im Juni war ich noch mal in der Alten Oder paddeln. "In" im wahrsten Sinne des Wortes, das Einsteigen ist ja das Schwerste beim Bootfahren. Und so bin ich reingefallen, pitschnass, das Boot voller Wasser - und ich nach der Anstrengung des Hinfahrens mit dem Rad schon erschöpft. Es kamen zufällig Radler vorbei, die ich um Hilfe bat. Meine Dose zum Ausschöpfen längst über alle Wasser davon. Mithilfe eines Schwamms saugte ich das Wasser raus, sie zogen von oben das Boot auf die Böschung. Ich habe ihnen nur gesagt, dass ich ja eigentlich nicht raus will, sondern lospaddeln. Der zweite Anlauf ging dann so: Wir hatten beim Paddelkurs auch gelernt, wie man im Boot sitzend eine Böschung runtersaust. Leider kam ich schief auf - wieder ins Wasser, wieder Boot ausschöpfen. Beim dritten Mal schließlich gelang es. Leider fiel mir nach ein paar Metern auf, dass auch mein Hut abhanden gekommen war, und ohne Hut kein Paddeln! Ein Schreck - da kam er angeschwommen und ich konnte, pitschnass wie Hut und ich waren, sehr angenehm zwei Stunden paddeln. Ich hatte, als ich abends den Wetterbericht sah, alles richtig gemacht: mich im Wasser und im Halbschatten der Alten Oder aufgehalten ...

Ein Erlebnis der besonderen Art ist diese Alte Oder. Nach der Eindeichung im 18. Jahrhundert und der Urbarmachung des Oderbruchs blieb sie als einer der alten Arme übrig. am ehesten erinnert sie an den Spreewald. Mein allererster Eindruck war ein türkisfarbener Blitz, der aus dem Halbdunkel ins Wasser fuhr – ein Eisvogel. Teilweise paddelt es sich leicht, wo der Fluss durch Bäume geschirmt wird, dort wachsen keine Pflanzen im Wasser. Wo aber volle Sonneneinstrahlung ist, wächst über den Sommer alles zu: mit gelben und weißen Seerosen, mit Schilf, mit gelben Iris. Kleine wie mit Zellstoff umhüllte Päckchen schwimmen im Wasser. Sie werden von weißen Seerosen in mohnähnlichen Kapseln gebildet , schwimmen ein Stückchen und sinken dann in den Schlamm, um zu neuen Seerosen zu werdern. Wir haben große Inseln mit Brunnenkresse gefunden, die als Salat oder Pesto gut schmeckt. Zum Abendessen kann man dann Tee aus Wasserminze machen. Pfeilkraut, Wasserlinsen liegen grüntüpfelig in weiten Flächen über dem Wasser. Manchmal liegen unter einem große Baumriesen und je nach Wasserstand muss man das Boot drüberhieven. Umgekehrt duckt man sich manchmal unter umgefallenen oder vom Biber umgesägten Veteranen, ebenso wie unter alten stillgelegten eisernen kleinen Brücken. Wird sie noch halten oder über mir zusammenbrechen, während ich durchfahre?

Im August war ich eine Woche dort, hatte Besuch von einer sehr alten Freundin, Gisela aus Neu-Isenburg, über deren Haus und Garten eine Einflugschneise für den Frankfurter Flughafen verläuft. Für sie ist allein schon unsere Stille tränentreibend. Wir haben uns täglich getroffen und an der Lanke, die der Oder vorgelagert ist, unter einer alten Weide gesessen. G. hat, als die Schafherde vorbeikam, in der Mitte der gewaltig gehörnte Ziegenbock, Robert Gernhardt zitiert "gesetzt den fall, ihr habt ein Schaf gekränkt ...", wir hatten wunderbare Tage. Am Samstag hat mir noch ein Verwandter mithilfe seines Mopeds mein Kajak vorbeigebracht (ich alleine schaffe es nicht mehr mit dem Rad zu ziehen) und ich bin bei herrlichem Sonnenschein auf der Lanke herumgepaddelt.

G. und ich haben übrigens mal vom Oderdeich aus einen Widder beobachten können, der - gesenkter Kopf, Anlauf - ein Bäumchen attackierte. Rumms, zurück, wieder Anlauf, Hörner gesenkt, ran an den Baum. Wir lagen mittlerweile auf dem Deich und lachten Tränen. Beim 15. Mal etwa hörten wir auf zu zählen und verbuchten es in unserer Chronologie unter der Sparte „männlich-seltsam“, die ja ohnehin schon gut gefüllt war. G. meinte jetzt übrigens, wir - also ich - seien in gewisser Weise früher auch so gewesen. Wenn wir uns was vorgenommen hatten, Kopf runter und durch die Wand. Wahrscheinlich hat sie recht und es lässt fürs Alter nichts Gutes erwarten, andererseits: die Hörner habe ich mir abgestoßen und nun bin ich schon milder, manchmal.

Aber der Widder und seine uns unverständliche Raserei erinnert mich an ebenso unverständliche unerwartete Männerbesuche an meiner Hütte. Eines Abends saß ich bereits im Nachthemd (ich verbiete mir den Gedanken, wie ich es angezogen habe) im Bett und las. Da schob sich außen ein Gesicht dicht ans Fenster, es war stockschwarze Nacht und hinter meiner Hütte nur der Wald. Da man in so einer Lage mit Ängstlichkeit nicht weiterkommt, öffnete ich das Fenster und fragte durch das Mückengitter, wer denn der Mann sei. Er stellte sich ohne Namen als Schulfreund vor, den ich aber nicht kannte. Auf meine Frage, ob er sich nicht zivilisiert tagsüber mal zum Kaffee einfinden könne, um sich bekannt zu machen, stammelte er was von man habe ja auch Bedürfnisse. Später erfuhr ich von anderen, dass ihn seine Frau verlassen hatte, die ihrerseits klandestin ein Verhältnis mit einem mir bekannten Mann hatte, mit dem ich allerdings auch gerne eine Affäre gehabt hätte ...

Mit einem anderen verheirateten Mann hatte ich tatsächlich ein bisschen geflirtet und ihn, so en passant, mal zum Kaffee eingeladen, zu dem er aber nie kam. Ein Jahr später bei einem großen Fest (Heiratsmarkt!), von dem ich schon früh nach Hause gegangen war, klopfte es nachts an der Tür. Tante, über 80, bereits im Hemd, setzte sich vorsichtshalber im Bett auf, damit sie gewappnet wäre für den mutmaßlichen Einbrecher. Es klopfte noch mal und beim dritten Mal öffnete der Mann die unabgeschlossene Tür um mitzuteilen, dass draußen der Schlüssel stecke und dies doch leichtsinnig sei … auf Tantes Bitten stellte er sich letztlich vor und fragte, ob wir nicht Wald zu verkaufen hätten. Ich, die ich im Glashaus auf der Rückseite schlief und von allem nichts mitkriegte, erfuhr von dem Besuch erst am nächsten Morgen. Wir lachen heute noch bei der Vorstellung, dass er sich womöglich ein Schäferstündchen vorgestellt hatte und nichts ahnend statt meiner auf Tante ohne Zähne stieß. Als ich dann wirklich mal eine Liebesgeschichte hatte, musste auch dies im Schutze der Dunkelheit stattfinden, aus Angst vor Gerede, nicht meiner Angst, wohlgemerkt.

Die Hütte

Sie besteht aus dem Bauwagen mit Küche und Salon, nach hinten schließen sich Ostflügel, Westflügel und dazwischen das Glashaus an. Diese festen Anbauten ergaben sich aus einer Fülle von Material, das andere Leute wegwerfen wollten und das deshalb gerettet werden musste. Dazu gehören drei meterhohe Doppelfenster, die die Wände des 5 qm großen Westflügels oder Blumenzimmers bilden. Was an Wand fehlte, ist außen aus Holz und innen mit Korken verkleidet (wie schon erwähnt, habe ich ein paar Jahre im Weinladen gearbeitet). Ein russisches Eisenbett ähnlich dem, in dem Tolstoi starb, bildet das Interieur, zusammen mit einer aus einem portugiesischen Eisenbett hergestellten Sitzbank, eine Hand hält darauf eine Rose. Ein portugiesischer mit eisernen Rosen umkränzter Spiegel über einem aus einer Singer-Nähmaschine hergestellten Tischchen komplettiert das Ganze, das dann Gästen als Schlafzimmerchen dient oder ab Spätnachmittag den Blick nach Westen in die spektakulären Sonnenuntergänge erlaubt. In dem Zimmer hängen meine Blumenaquarelle und die von Freunden und Familie zum Thema Natur und Blumen.

Der Ostflügel wurde als Schlafzimmer schon erwähnt und hat den Beinamen portugiesisches Zimmer. In ihm steht ein fantastisch breites altes portugiesisches Eisenbett, eine selbst gewebte Decke aus 35 roten Stoffen bedeckt es. Die Stoffe waren mal Kleider, Hosen, Laken, Bettbezüge. In vielen Stunden habe ich sie in Portugal auf einem 40 cm breiten Handwebrahmen verwebt (und vorher natürlich dort hingeschleppt). Ein portugiesischer Holzofen sorgt für weitere Schönheit und Gemütlichkeit, die Isolation dahinter besteht aus vielen flachen Jakobsmuscheln. An der Wand hängen meine Aquarelle portugiesischer Landschaften. Am Fenster baumeln weiße, braune und grüne mundgeblasene Glaskugeln, die in einem früheren Leben als Schwimmer für Fischnetze taugten und während 20 Jahren am Atlantik angeschwemmt und von mir gefunden wurden. Dieser Fischfang mit kleinen Kuttern wurde seit den 90ern auf Initiative Brüssels europaweit reduziert und ist fast ausgestorben Eine Reuse und ein Ruder vervollkommnen das portugiesische Interieur meines Schlafzimmers. Als Teil der Wandkonstruktion wurde die 150 Jahre alte Tür aus dem alten Forsthaus eingebaut, die dort nicht mehr gebraucht wurde. In der Tür ist eine Unterglasmalerei eines Försters mit seinem Hund, der wie mein Großvater aussieht. Ein alter Gründerzeitschrank aus Berlin passt ins Ambiente. So kann ich in Gedanken, vor dem Einschlafen und Aufwachen nach Portugal und zu meinen Lieben in die vergangenen Zeiten zurückwandern.

Grundlage des zwischen portugiesischem und Blumenzimmer eingepassten Glashauses waren mehrere große alte Eisenfenster, die in Portugal nicht mehr gebraucht wurden und im Freien zu verrosten drohten. Ich brannte den Rost ab und gab ihnen einen Anstrich, ein Bekannter, der nach Berlin fuhr, nahm sie gegen Benzingeldanteil mit. Zwei davon bilden die Fenster, zwei das Dach, beim Glasschneiden und Einkitten halfen mir Verwandte und ein Glaser. Eine junge Familie in Berlin hatte keine Zeit, ihre sehr schöne Hochbettlandschaft abzubauen und schenkte sie mir gegen diese Dienstleistung. Die gewachsten Nut-und-Feder-Bretter bilden den Fußboden des Glashauses und ein Schlafpodest, in dem eine alte Zinkbadewanne versteckt ist. Der dazugehörige Holzbadeofen fand sich bei einem Verwandten, der ein modernes Bad anstrebte. Die Sonne erreicht im Sommer trotz der Nordlage das Glashaus und lässt schöne Siesten zu, wenn es draußen etwa wegen stürmischen Westwinds zu ungemütlich für die Hängematte ist. Gäste dürfen den Schlafplatz zwischen Salon, Glashaus und Blumenzimmer aussuchen. Nur zufällig des Wegs kommende an Ordnung gewöhnte Dorfbewohner bemängelten die fehlenden Gardinen des „Badezimmers“, meine Freunde und ich genießen den Ausblick in die Waldlandschaft. Für den Fall, dass die Oder mal wieder über die Ufer treten sollte, schmückt ein roter Rettungsring aus dem Atlantik das Glashaus. Er steht auf einer ebenfalls roten großen Klempnerkiste aus DDR-Zeiten, die Wäsche birgt. Wegen des Nordlichts lässt sich dort gut malen. Jeden Frühling habe ich das Dach abgefegt und gereinigt, weil von den Bäumen darüber große Mengen Fichtennadeln und -zapfen herabfallen. In diesem Jahr konnte ich nicht mehr hinaufklettern. Meine 80-jährige Mutter hielt sich für fit und kletterte wie eine Bergziege hinauf – während mir die Funktion des Leiterhalters blieb. Derweil die 85-jährige Tante, die mit Logorrhoe geschlagen ist, zum zigten Male anhub zu einer Erzählung, wie einstens Frau x … meinen Einwand, dass Mutter auf dem Dach nichts hören könne, geflissentlich ignorierend.

- - -

Das Oderbruch gilt als endemisches Zeckengebiet. Entgegen den Aussagen meiner Neurologin Ende der neunziger Jahre, der Körper würde auch allein damit fertig, habe ich heute eine Multiple Sklerose oder wenigstens eine Lähmung von etwas Ähnlichem. Ich bin der festen Überzeugung, dass meine massiven neurologischen Ausfälle mit den vielen hundert Zeckenbissen im Laufe der letzten 30 Jahre zusammenhängen. Ich versuche die Krankheit anzunehmen. Was jedoch in Jahrzehnten meine Leidenschaft war, gehen, wandern, bei jedem Wetter, geht nun nicht mehr. Interessanterweise ist in vielen europäischen Sprachen die Frage nach dem Befinden „wie geht es dir?“ mit dem Wort gehen gekoppelt. Dass das Gehen das Dopamin im Kopf stimuliert und Letzteres wiederum für die Lebensfreude zuständig ist, ist also vor Urzeiten als Wissen in die Sprachen eingegangen.