Ich hatte eine Hütte am Meer, am Atlantik in Portugal

Aquarell von Sigrid BellackMein Adelino, der alte Gärtner mit den lebendigen grünen Augen, hält es nicht aus, auf dem Friedhof so stillzuliegen. Als ich kürzlich mal dort vorbeiging, kam aus dem Grab eine schöne große wilde Pflanze - und ich musste lachen, weil ich ihn da unten säen und pflanzen sah.

Es ist so still hier, nur das Meer schlägt und drüben blöken und bimmeln ein paar Schafe. Sonst nichts. Das Grundstück ist traumhaft, gegenüber nur der Wald des Campingplatzes, ein paar alte Häuser und das ehemals als Hotel geplante ungenutzte große Haus. Dazwischen die Lagune, die voll ist und schimmert. Die Hütte ist wunderbar warm und morgens und abends ist es jetzt im Winter zwar kalt, aber dann mache ich Feuer und gleich wird es heimelig. Am Nachmittag ist es aufgeheizt von der Sonne, die von morgens an auf das Haus steht.

Wenn ich im Bett liege, nimmt die Landschaft draußen die Höhe bis zur ersten Reihe der Eisenfenstervierecke ein; setze ich mich leicht auf, bis zur zweiten. Sitze ich aufrecht, sind drei Reihen voll mit Landschaft gefüllt und stehe ich, vier. Das bedeutet, dass ich, wenn ich liege, vier Fünftel Himmel sehe und sein Licht und gleich morgens die Beschaffenheit des Tages erahnen kann. Der Ort des Sonnenaufgangs schwankt je nach Jahreszeit zwischen dem linken Fensterrand und – jetzt im Januar – dem rechten.

Heute Morgen sind Adelino und ich bis nach Sto. André gelaufen. Inzwischen laufe ich fünf, sechs Kilometer am Stück, mit wachsendem Vergnügen. Nach und nach komplettiere ich die Hütte, bin aber faul, die Tage sind kurz und ich nutze die Sonnentage für entsprechende -bäder, lesen und ein bisschen weiterbasteln. Der Decke fehlen noch Bambusquadrate, dem gewebten Teppich noch die Umrandung. Wahrscheinlich will ich auch einfach nur mal Urlaub machen, denn seit April letzten Jahres habe ich immer was getan. Im Sommer Oderbruch mit Blumen und Anbau, Aushilfe bei U., im Herbst der Bau der Hütte hier und bis Weihnachten Arbeit im Laden und bei der Zeitung.

Bau der Hütte

Von Mitte September bis 10. November haben wir meine Hütte gebaut: 10 qm auf einem Lastwagenanhänger. Die Planken hat Adelino gelegt, nachdem er eine Pinie vom Nachbarn erbeten, sie gefällt und in Balken und Bretter hat sägen lassen. Die Seitenwände bestehen aus Verpackungskisten für Maschinen, auf Leisten genagelte geleimte Sperrholzplatten. So etwas wird in einem armen Land nicht weggeworfen, sondern jemand handelt damit günstig. Wundersamerweise passten die Platten fast ohne gesägt zu werden auf die Seiten. 2,40 m breit, 1,70 m hoch hinten. Vorn 2,10 m hoch. Innen habe ich mit Styropor isoliert und alles mit dem hier wachsenden Bambus verkleidet. Die Ofenseite haben wir mit Lehm verfüllt und ich habe sie mit großen Jakobsmuscheln verkleidet. Ein schönes altes Eisenfenster blickt zur Lagune und lässt viel Licht herein. Mein in Sto. André gekauftes Eisenbett nimmt die hintere Querwand ein, von der Decke (außen Aluminium, innen bambusverkleidet) hängen meine am Meer gefundenen Glaskugeln. Die Rückseite und die zweite Schmalseite gucken nach Norden und nach Westen und sind ganz geschlossen.

Wir haben die Zustimmung der Eigentümer eingeholt, alte Freunde von Adelino, es auf dem zweitschönsten Platz überhaupt aufstellen zu dürfen. Das ist ein Pinienwäldchen, an das sich das Haus anlehnen wird, Blick auf die Lagune. Im Pinienwäldchen gibt es eine richtige Höhle unter einem Baum, sodass ich praktisch kein „Badezimmer“ bauen musste. Mein Nachbar wird mir Wasser geben. Mithilfe eines langen Schlauches fülle ich jeweils beim Ankommen ca. 400 Liter in Plastiktonnen, das reicht meistens für einen Monat.

Die Geschichte des Bettes

Eines Tages war ich an der Lagune von Sto. André mit meinem Malzeug und malte ein altes Lehmhaus neben einer Palme, das bereits auseinanderzufallen drohte. Das Aquarell ist gelungen und so ging ich bis zum Haus, um es von Nahem anzusehen, beobachtet von einem behinderten Mann mit einem verkürzten Bein. Am Haus stand ein altes verrostendes Eisenbett im Freien. Ich sprach ihn auf das Bett an und fragte, ob es zu verkaufen sei, da es mich dauerte, dort in Regen und Wind. Er machte ein großes Gewese, als ob ich das Haus hätte kaufen wollen, er müsse sich mit seinen vier Geschwistern beraten, es sei schließlich das Bett der Mutter etc. Nach der Mittagspause gab es schließlich einen Bescheid, umgerechnet 100 DM sollte das Bett kosten. Da ich zu dem Zeitpunkt kein Bett brauchte und es lediglich „retten“ wollte, sagte ich nein zu der Preisvorstellung und ging meiner Wege. Genau ein Jahr später war ich wieder zufällig dort, ich brauchte ein Bett für meine neue Hütte, das Bett stand immer noch da, ich bot 60 DM. Diesmal entschied der Behinderte selbstständig, er wollte 70 DM, wir wurden handelseinig. Beim Abholen lud er mich und Adelino ganz stolz in sein Kleinsthaus und präsentierte uns ein scheußliches 70er-Jahre-Messingbett, umgerechnet 600 DM habe es gekostet. Wenn ich mir vorstelle, wie lange dieser sicherlich eingeschränkt, wenn überhaupt arbeitsfähige Mann gebraucht hat, um 600 DM zusammenzusammeln, wo ein aus meiner Sicht wunderschönes bereits 100 Jahre altes Eisenbett kostenlos zu haben gewesen wäre. Ich brannte den Rost des Bettes ab, strich es neu und wenn es nach mir geht, wird es noch einmal 100 Jahre machen. Mir gefällt, dass ich es auseinandernehmen kann, dass es stabil ist – und schön.

Während der Bauzeit „wohne“ ich in einer winzigen 4 qm großen Hütte mitten in den Dünen, die Adelino mal für mich gebaut hat.

Es ist gegen Abend, die Sonne steht schon sehr tief am Horizont, die Dünenvegetation wirft lange Schatten. Ich sitze in „meiner“ Düne direkt am Meer, noch wärmt die Sonne, aber sticht nicht mehr. Der Strand ist – ob morgens, mittags oder abends – leer bis auf eine Kolonie Möwen; in der Ferne finden sich gerade ein paar Angler ein. An Geräuschen hört man nichts, das Meer übertönt eventuelle leisere Lebensbekundungen. Manchmal nachts – ich wohne ja praktisch nur 20 m vom Strand – wenn Ebbe und Flut wechseln, macht es Lärm. Aber nicht zu vergleichen mit Stadtlärm oder gar Autobahnen. Dieses hier ist so gleichmäßig, dass es einen einlullt und man womöglich gar nicht schlafen könnte, würde es fehlen.

Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag am Strand zu joggen – oder mindestens 5 km zu gehen. Morgens noch vor dem Frühstück setze ich mich in Bewegung und renne den von der nächtlichen Flut sauber geputzten Strand entlang. Anstandshalber ziehe ich was an, könnte es aber ebenso gut bleiben lassen – keine Menschenseele weit und breit. Sonntag ging ich zwei Stunden gen Norden und zurück, ohne einen Faden am Leib; entsprechend gebräunt bin ich schon. Oft gehe ich auch Richtung Dorf, zu Adelino in den Garten oder zu unserer „Baustelle“.

Heute haben wir eine erste Sitzung mit dem Tischler gehabt, Germesindo, ein schöner ruhiger alter Mann von 1,50 m Größe, auf dessen Grundstück wir den Wagen ausbauen werden, bevor er an seinen endgültigen Standort kommt. Gestern zog ich Nägel, die Frau des Tischlers, 1,40 m groß, leistete mir Gesellschaft. Ich weiß jetzt alles über ihre Mutter, Schwiegermutter, Schwiegertochter etc., wie sie lebten, wie sie starben. Ich habe ihr erzählt, dass ich hier in der Düne wohne, woraufhin ihr Mann heute sagte, er habe bereits morgen Zeit zu bauen. Sie ihrerseits habe schlecht geschlafen, sagt sie, weil sie sich Sorgen macht um mich allein in der Düne. Ihr Mann sagt, die Portugiesinnen würden nicht mal zu dritt hier bleiben, tags, geschweige denn nachts. Wenn die wüssten, wie schön es hier ist, keine Menschen, kein Hundegebell, keine Mähdrescher, keine dröhnenden Reisspeicher wie vorne an der Lagune und den Reisfeldern Richtung Melides. Meine Hütte ist regendicht; ich teile sie mit einer kleinen Ratte, einer noch kleineren Eidechse und mindestens zwei Holzwürmern, die Tag und Nacht arbeiten. Die Ratte hat sich Gott sei Dank etwas absentiert. In der ersten Nacht (ich hatte ja nun alles eingeräumt), rannte sie dauernd irgendwo gegen und es rummste ab und an, sodass ich immer hochschrak. Wenn ich abends bei Petroleumlicht lese und es ganz ruhig ist, guckt sie manchmal neugierig herunter. Ansonsten höre ich sie kaum noch. Die Lebensmittel sind alle verschlossen, wahrscheinlich ist es ihr zu uninteressant.

Die Sonne geht unter, der Strand füllt sich mit Anglern, da die Fischer manchmal bis zu zehn Angeln auswerfen, nimmt das ziemlich viel Platz weg.

Am nächsten Morgen sitze ich vor der Hütte mit kalten Füßen, da die Sonne wegen früher Stunde und Wolken noch nicht recht wärmt. Eben ging G. vorbei, starr den Blick geradeaus. Als ich sie grüße, geht sie noch starrer. Sie nimmt mir übel, dass ich sie mal angefahren habe, nachdem wir drei Säcke voll Müll aus und um die Hütte entfernt hatten. Sie, die Kinder und ihr Mann P. schienen sich hier häuslich eingerichtet zu haben, während er am Strand angelte. Sie ist ein Sozialfall, hat überall Ärger und wehrt sich mit Hass, „sie ist gefährlich“, sagt Adelino. Kurz darauf ging Madrugada vorbei und wir unterhielten uns freundlich. Er wird so genannt seit seiner Kindheit, als er oft im Morgengrauen aufstand und vor einer Kneipe darauf wartete, dass er eine Suppe bekam; ein netter Junge, ich kenne ihn schon lange. Wenn sie ihren nächtlichen Fischzug beendet haben werden, bin ich hier wieder ganz allein.

An unserem 4qm-Häuschen in den Dünen blühten heute, am 13. April, 2 weiße Papoilas (Mohnblumen). Ein Wunder.

Der Kuckuck ruft
Frösche quaken
Auf meinem Dach eine Schwalbe
Abend.

Meeresrauschen, die Brandung dumpf
Ein Hund bellt
Tausende Frösche
Zikaden
Eintauchende Ruder
Enten schimpfen
- Abendstille

Schiffsmast – Sitzbänke

In meinen Händen spüre ich noch die halbkubikmetergroßen Abschnitte des Mastes, den wir vorhin am Strand zerlegt haben. Ein Baum von Mast, genauer: ein Mast aus einem Baum. 50 Jahresringe konnte ich zählen. Er lag dort schon Tage, er muss mit den Stürmen der letzten Wochen an den Strand geworfen worden sein. Nicht weit von ihm lag der Delfin, angefressen am Schwanz und am Kopf und rotlilaockerfarben inzwischen, ein Haufen Fett, der langsam vor sich hinstinkend eintrocknen wird. Der Mast dauerte mich, mehr als der Delfin, denn zwar hatte er in seinem Leben als Schiffsmast ausgedient, aber er war einfach zu schade, um wieder vom Meer zurückgeholt zu werden. Ein bisschen ähnelte er dem Delfin, denn auch er war an einem Ende angefressen und ausgedörrrt. Wochen, vielleicht Monate im Wasser hatten ihn an seiner schwächsten Stelle nachgeben lassen. Seit Tagen hatte ich ihn mir angesehen, war sicher, dass die Verletzung höchstens einen halben Meter zerstört hatte, es blieben noch immer knappe drei Meter. Ich träumte auf ihm sitzend davon, dass er mir gehören würde, ich würde ihn als Bank benutzen. Schon das erste Mal, als ich nach kilometerlangem Strandlauf bei ihm Rast gemacht hatte, war er mir vertraut gewesen. Ich hatte über sein Holz gestrichen und eine seltsame Kraft steckte noch immer in ihm, so, als wäre der Untergang seines Schiffs ein Irrtum gewesen. Vorhin nun haben wir ihn in fünf Teile zersägt und diese über die Dünen bis zum Trecker geschleppt. Der Mast würde mir und meinen Gästen 15 Jahre lang wechselnd als Sitzgelegenheiten oder, Brett darüber – Tisch dienen.

Gestern fand ich ein Sitzbänkchen; schweres Holz mit eingesägten Herzen, zusammengehalten durch ein Stecksystem. Ein paar Holzwurmstiche, aber sonst tadellos. Irgendjemand hat seinen Müll an den Wegrand geworfen: ein ekliger alter Teppich, ein kaputter Schrank und zwei Holzbänkchen, beide kaputt. Dem einen fehlte eine ordentliche Sitzfläche, dem anderen ein Fuß. Ich probierte und kombinierte – und mit drei Handgriffen hatte ich aus zwei kaputten Sitzbänkchen ein funktionierendes gemacht.

Wanderung entlang der Lagune von Melides zum Strand

Durch die Reisfelder und entlang der Lagune von Melides (traditioneller Aalfang in Reusen und Netzen) gehen wir bis ans Meer (Cafés); wir sehen Störche, Seiden- und Graureiher, Wiedehopfe; zurück über Dünen- und Waldwege.

Aquarell von Sigrid BellackAquarell von Sigrid Bellack

Tagebuch zu Geld und Essen

20. November 97

Ich bin gestern angekommen und plane Anfang Februar zurückzufahren. Nach meiner Kalkulation bleiben von meinem mitgebrachten Geld 200 DM monatlich zum Leben. Zu Hause zahlen D. und S. je 200 DM Miete, sodass die Wohnungsmiete voll gedeckt ist.

Es ist Dezember – und drüben am anderen Ufer der Lagune blüht heute Morgen gelber zarter Klee auf den über Nacht grün gewordenen Wiesen. Der See riecht nach Regen und die Luft nach Salz . In den Dünen roch es nach blühendem Rosmarin. Große hellblau schimmernde Büsche, daneben gelb leuchtender Stechginster hier und da. Es ist anders als im Frühjahr, wenn alles gelb ist und es manchmal schon so heiß ist, dass die Luft eine einzige Verbindung all dieser uralten Gerüche scheint. Es ist anders auch als im Spätsommer und Frühherbst, wenn die über den Dünen schwebende Schwüle den Körper schwer sein lässt, die Beine müssen sich durch den Sand ziehen. In mir ist jetzt ein Gefühl von gleichzeitiger Schwäche und pulsierendem, den elementaren Kräften zugewandtem Behagen.

Wir fahren in die Pilze, sammle eine Riesentüte voll Pfifferlinge und etliche Steinpilze. Muss große Menge trocknen. Portion reicht für mindestens zwei bis drei Tage.

Die Lagune ist über Nacht ausgelaufen. Nachmittags präsentiert sie sich – wegen Ebbe – wasserleer und schlammig. Wir sehen nach dem Boot, es liegt weit außerhalb des Wassers und ist so nicht zu bewegen. Finden jede Menge kleine bis mittelgroße „Tainhas“ und einen goldenen Fisch. Auch sie werden als Mahlzeit für mindestens zwei bis drei Tage reichen. Es gibt nur ein Problem: sie leben noch. Es dauert Stunden, bis das krampfhafte Zucken der Kiemen zu Ende ist. Am Schluss schneide ich den Fischen beherzt den Kopf ab, obwohl sie noch immer versuchen zu atmen. Wäre ich etwas skrupelloser, hätte ich meiner Pilz- und Fischernte noch ein kräftiges Huhn hinzugesellen können. Ich sehe einen der Nachbarshunde an etwas Fedrig-Felligem fressen. Beim Näherkommen identifiziere ich es als Huhn, das keinen Kopf mehr hat. Es ist noch warm. Der Hund lässt bei meinem Anblick sofort das Huhn fallen. Anstatt es nun – ganz klandestin, schließlich habe nicht ich es gestohlen – mitzunehmen, liefere ich es beim linken Nachbarn, dem Besitzer des Hundes ab. Das Huhn stammt von der rechten Nachbarin, die gleichzeitig Schwester des linken Nachbarn ist. Der Bruder klärt die Sache und ich höre Schimpfen, Wehklagen und Jaulen der Hunde.

Wenn sich die – im Übrigen alle ersten Grades verwandten, aber teilweise zutiefst verfeindeten Nachbarn – einigen würden, etwa die Hühner ODER die Hunde gefangen zu halten, gäbe es jedes Jahr weniger Streit und weniger tote Hühner, in der Folge weniger auf Dauer gefangene Hunde. Insgeheim bin ich mehr aufseiten der Hunde, weil sie mir so nah sind, und wünschte, alle Hühner wären – mit genügend Auslauf – eingesperrt. Es muss für einen Hund über“menschlich“ sein, diese ewig pickenden und nickenden Kreaturen nicht zu beachten. Resultat: da ich meinerseits den Garten nicht eingezäunt habe, gedeiht praktisch nichts salat- oder kohlartiges, da die Hühner mit Wonne jedes Blatt verzehren.

Im letzten Jahr raschelte es unmittelbar hinter meinem Haus im Bambuswäldchen. Ich sah ein Huhn heftig an den Blättern des Schilfrohrs ziehen und eine Art Nest bereiten. Obwohl die Nachbarn gewöhnt sind wegen ihrer freilaufenden Hühner deren Eiergelege bis auf mein Grundstück zu suchen, kämen sie nie auf die Idee, dies in unmittelbarer Nähe meines Hauses zu tun. Ich behielt also das Nest im Auge, zur Beruhigung meines Gewissens deshalb, weil ich ein eventuelles Gelege und die entsprechende Glucke den Nachbarn melden wollte. Real griff ich jeden zweiten Tag ein köstliches, noch warmes frisches Ei ab und aß es mit Genuss – und in Erinnerung an alle jemals abgefressenen Salat- und Kohlköpfe.

Ich bereite die Pilze und die Fische zu. Um ca. 20 Uhr gehe ich zu Bett. Vorher habe ich noch fünf Kürbisse und fünf Honigmelonen, die auf dem Dach liegen, daraufhin überprüft, ob sie mir auch nicht aufs Haupt fallen. Die Menge reicht, um fünf riesige Eintöpfe zu kochen, die jeweils drei bis vier Tage reichen werden.

Während ich dies schreibe, trinke ich den diesjährigen Wein von Adelino.

Freitag, 21.November

Es ist 18.30 Uhr und dunkel. Der Tag begann mit heftigem andauerndem Gewitter. Es war höchst ungemütlich, sodass ich lesend im Bett blieb. Bald kam Adelino und kuschelte sich zu mir. Wie gemütlich, zusammen im Bett zu liegen, während es draußen prasselt. Wir gingen dann – plötzlich schien die Sonne – bis zur Lagune; noch immer ergießt sie sich ins Meer, während gleichzeitig das Wasser in sie hineinschwappt und Sand raussspült. In ein paar Tagen wird der Ausgang wieder geschlossen sein und die Lagune wird erneut volllaufen – ein ständiger Kreislauf im Winter.

Adelino hat 4 Eier mitgebracht und Schinken, sodass ich fast nichts zu essen kaufen brauche. Abends aß ich Pfifferlinge und die gestern gebratenen Fische. Ich habe den Ofen angemacht und trockne über ihm Steinpilze. Welch warme Idylle.

Samstag, 22. November

Adelino hat heute für das öffentliche Mittagessen der kommunistischen Partei Portugals Hähnchen gegrillt – und für mich eins „abgezweigt“. Ich esse Nudeln mit Tomaten-Pfifferling-Soße, noch immer habe ich gebratene Fische.

Heute die Schüssel mit den ungespritzten Zitrusfrüchten ausgelesen. Wegen der Fruchtfliegen fangen einige immer an zu schimmeln. Habe, seit ich hier bin, noch nicht eine Clementine oder Apfelsine gegessen – die Schüssel ist riesig.

Zum Frühstück habe ich wahlweise während des Sommers selbst gekochte Feigen- oder Brombeermarmelade oder Waldhonig von einem der Nachbarn am Weg, der Bienen hält.

Habe heute „Retalhos“ – in Streifen geschnittene alte Kleidung – nach Farben geordnet und bin gegen Abend ans Meer gegangen. Wunderschöne Sicht nach allen Seiten, in die Serra, nach Sines, nach Arrabida. Ein herrlicher Sonnentag ohne einen Tropfen Regen.

Montag, 24. November

Gestern ein mäßig bedeckter Himmel. Adelino kam um ca. 11 Uhr „zur Jagd“, d. h. er brauchte um eins nicht zurück zum Mittagessen. Wir aßen Huhn und Pfifferling-Spaghetti, die Reste haben heute die Hunde verspeist. Mithilfe eines Nachbarn und seines Treckers haben wir das Boot, das wegen des plötzlichen Auslaufens der Lagune auf dem Trockenen lag, an einen anderen Platz gebracht, heute mit vereinten Kräften bei Flut ins Wasser geschoben – endlich, und das tut er gerade, kann Adelino Aale angeln gehen. Schließlich gingen wir noch ein bisschen in den Dünen; ich ging früh zu Bett wie immer. Heute Nacht und den halben Tag lang hat es heftig geregnet, nicht sehr erfreulich um draußen zu sein. Habe deshalb einen Teppich „gelegt“ und begonnen, Streifen zum Verweben zu schneiden. Diese Tage wollen bei Ofenwärme drinnen verbracht werden.

Adelino brachte Rote Bete und Paprika.

Wanderung zur Lagune St. André (Natur- u. Vogelschutzgebiet)

Morgens um 10 Uhr mit dem Bus zur Nachbarlagune (hunderte farbige Ruderboote der Fischer). Je nach Wasserstand wandern wir rund um die Lagune - am Strand oder über die Dünen - (mit Mittagspause) oder über eine Art Halbinsel am See, vorbei an Kolonien klappernder Störche, gelb blühenden Lupinenfeldern. Es gibt viele Wasservogelarten, u.a. Kormorane, manchmal Flamingos. Rückweg am Meer. Gehzeit ca. 4-5 Std.

Aquarell von Sigrid BellackAquarell von Sigrid Bellack

Mittwoch, 26. November

Gestern ein fürchterlicher Tag, Regen, Gewitter, Schauer, Platzregen ohne Unterlass. Fühlte mich entsprechend unbewegt und melancholisch. Dachte über mein Leben nach; habe so gar nichts Materielles vorzuweisen. Meine Berufsaussichten? Und dennoch stehe ich zu meiner Entscheidung, die Arbeit 1993 gekündigt zu haben. Mit der Fahrradreise durch Frankreich fing Portugal schließlich erst richtig an.

Im Traum habe ich das wohl bearbeitet. Fahre mit irgendwelchen Leuten im Auto, hinter uns der Bus, der Kontakt halten soll. Plötzlich stelle ich fest, wir haben den Bus verloren. Es ist an einer Ecke, die ich wiedererkenne, irgendwo zwischen Biarritz und La Rochelle direkt am Meer. Steht der Bus für Masse, Gemeinschaft, Gesellschaft?

Viel schlimmer war folgender Traum: ich gehe in irgendeiner Stadt zu einem Lokal, treffe dort einen meiner früheren Freunde. Beim Zurückgehen an einer Kreuzung kommen von allen vier Seiten Laster. Ich sage noch zu jemandem: hier durch, da springen schon Männer aus den Autos und nehmen mich gefangen. Ich bin angebunden und werde mit Spritzen und spitzen Gegenständen gefoltert. Es ist so fürchterlich, dass ich mich mit großer Kraftanstrengung losreiße und in einen Schacht springe, eindeutig mit Selbstmordabsicht. Kurz vor dem Aufprall fängt mich ein (schwarzer!) Mann auf, mitleidig und zugewandt. Es ist aber zu spät, ich bin tot, als ich unten ankomme.

So schrecklich die Träume nachts waren, so schön war der Tag. Endlich kein Regen mehr, weiße Wolken auf blauem Himmel.

Ich habe die Fenster aufgerissen und bin auf einen langen Gang fast bis Aberta Nova gegangen, der Hund Pluto mit mir. Wie ich seinen Hundevater Nicki vermisse. Finde fünf Glaskugeln, davon zwei mundgeblasene, außerdem einen Schiffs-Messingring, zwei Korkschwimmer. Welch reicher Schatz. Adelino kam, als ich zurückkam und wird nachher, es ist jetzt 6 Uhr abends und dunkel, noch mal kommen, um nach Aalen zu angeln. Fühle mich so unendlich viel besser, wenn die Sonne scheint. Was für ein Tag am Meer: große Wellen, aber nicht bedrohlich wie am Tag zuvor (das Meer brüllte gestern), herrliches Licht, fast menschenleer. Außer mir nur noch ein Mann am Strand, der lange Zeit mit mir parallel gegangen sein muss; ich unten, er oben in den Dünen. Beim Rückweg ging ich oben, weil mir die Flut zu bedrohlich schien. Da sah ich seine Fußspuren und dann auch ihn vor mir. Vielleicht war er hinter mir, dachte, ich könnte mich fürchten und ging dann oben? Trotzdem komisches Gefühl, fast hätte ich mich nämlich ausgezogen.

Sonntag, 30. November

Heute habe ich endlich die Maus gefangen. In die Falle wollte sie nicht gehen. Durch Zufall hörte ich, wo sie war und trug sie nach draußen. Ich bringe es nicht über mich, sie wissentlich umzubringen, wer weiß, ob sie nicht wiederkommt.

Donnerstag waren wir Pfifferlinge sammeln. Drei Plastiktüten voll = eine Mahlzeit und der Rest zum Trocknen. Da das Wetter nicht stabil genug ist, verfiel ich auf die Idee, sie im Backofen zu trocknen. Passenderweise backte die Nachbarin Lucilha gerade Brot, sodass ich die Restwärme nutzte und alles trocken kriegte. Bei der Gelegenheit stellte ich fest, dass man ein Schwein schlachtete. Ich bot meine Hilfe an und wurde erst mal zum Mittagessen geladen, bei dem es Gott sei Dank Ente gab. Jede Menge Verwandtschaft zum Helfen. Anschließend zerlegten die Männer das Schwein, einer wühlte lustvoll im warmen Inneren, wie Otto Mühl; die Frauen wuschen derweil die Därme. Ich begann fettes und mageres Fleisch in kleine Stücke zu schneiden, daraus werden dann die Würste gestopft. Abends gegen 7 Uhr konnte ich nicht mehr. Das Fleisch war noch warm – ich hatte auch geholfen, den Kopf zu zerlegen, da sah mich das Auge an und ich erinnerte all die Augenkontakte mit Adelinos Schweinen. Sie haben Augen wie Menschen, gar keine „Schweineaugen“. Die dunkleren Schweine haben wie mit Kajal gemalte schwarze Ränder um die Augen und sind eher braun- und grünäugig, während die hellen Schweine oft blau- und grauäugig sind. Der Ausdruck im Auge eines Schweins ist viel intensiver als der einer Kuh, wobei Letztere womöglich schönere Augen hat. Ich weiß, dass ich unfähig wäre, ein Schwein, das ich ein Jahr lang täglich gefüttert habe, zu schlachten. Ich muss immer denken, dass es Zeiten gab, in denen man Menschen eingeredet hat, Indianer oder Sklaven seien keine Menschen, hätten keine Seele. Ein Schwein jedenfalls hat mindestens so viel Seele wie ein Hund oder wie ich. In der Form ihrer Kontaktaufnahme haben sowohl Schwein wie Hund entschieden mehr Seele; sie gucken einen an, wollen gestreichelt werden, quieken zum Gotterbarmen, man könnte auch sagen, sie sprechen.

Es ging mir als Kind im Oderbruch schon so. Ich erinnere einen Schlachttag; an der Stallwand sah ich von fern ein Schwein und ein Kalb hängen. Um nicht an den geschlachteten Tieren vorbei zu müssen, ging ich bis zur Hüfte im Schnee über die hintere Wiese (mein heutiges Grundstück). Ich aß an diesem und an allen Schlachttagen nichts Gekochtes, nicht mal Kartoffeln und Gemüse. Heute bin ich groß, aber die zwischendrin gereichten gebratenen Stücke kostete ich nur an und verabschiedete mich rechtzeitig vor dem Abendessen. Zu Hause aß ich zwei Käsebrote. Aber ich war sehr fleißig und alle achteten, glaube ich, dass ich tapfer mitgearbeitet hatte. Es war – als Gast – sehr schön, beteiligt und einbezogen zu sein. Ich konnte über TUN eine Beteiligung erreichen. Der neue (städtische) Nachbar, der mit seinen Kindern auch mitaß, aber nicht arbeitete, nahm zweimal Kontakt zu am Tisch Sitzenden auf – über Kaufabsichten. „Besorgen sie mir 5 Kilo Clementinen, ich hätte gerne 5 Liter Tresterschnaps …“

Mittwoch, 29.11.97

Heute wunderbares Wetter, aber ich war wohl zu lange in der Sonne, Kopfschmerzen. Nachmittags mit Adelino auf der Feira von Santo André; unerträglicher Lärm und unerträgliches Gewusel, aber ich habe die Baumwolle zum Weben bekommen: 2 kg für 60 DM.

Eine aus unserer Sicht sehr veraltete Ökonomie. Hunderte kleinster Händler mit ihrem ganzen Gelumpe reisen von Feira zu Feira. Ein Stand nur mit Regenschirmen, x Stände mit Haushaltswaren, im Grunde ein ambulantes Kaufhaus à la Woolworth zu ebener Erde mit Hunderten von Kleinstunternehmern. In unserer – modernen? – mitteleuropäischen Ökonomie wären sie bestenfalls Angestellte im Baumarkt, im Kaufhaus, im Großmarkt. Viel kaufen sah ich die Menschen aber nicht, es scheint eher ein Markt des Sich-Sehens und -Treffens. Und welches Kaufhaus ginge zu den Leuten? Entweder sie gehen bei uns in die Städte oder sie bleiben ohne Ware. Hier finden sich dörfliche Kaufhäuser zusammen; die An- und Abfahrtskosten trägt der Kleinstunternehmer – und kommt dementsprechend auf keinen grünen Zweig.

Die Lagune ist seit meiner Ankunft zu Fuß nicht passierbar.

Wanderung entlang der Steilküste

Nach Norden zum Meer, dort über einen Fußpfad durch leuchtend blühende Dünen (Ginster, Rosmarin, Thymian, Krüppelkiefern, duftende Mimosen, absonderliche "pútigas", violette Heide) - mit atemberaubenden Ausblicken auf Meer und Strand - zu einem idyllisch gelegenen Campingplatz hoch über Sandsteinfelsen. Dort Imbiss oder Mittagessen. Rückweg am menschenleeren Strand. Gehzeit ca. 5-6 Std.

Montag, 1.12.97

Herrlicher Sonnentag, wir waren die Küste entlang bis Pinheirao, wie schön.

Heute gab es den dritten Tag Suppe: Kohlrüben mit Kartoffeln und grünen Kohlblättern auf Chourico mit Knoblauch und Zwiebeln. Ein portugiesisches Sprichwort sagt: Heute haben wir gegessen, morgen gibt Gott – und schon erschien mein Essen für morgen: zwei Schirmpilze fast in Größe eines wirklichen Schirms: frittiert, in Ei und Mehl gewälzt schmecken sie wie gebratene Schnitzel. Dazu ein Radieschen- oder ein grüner Salat. Jetzt im November grüner Salat? Ja, und was für welcher, schmackhaft, knackig.

Freitag, 5.12.97

Nikolaus, wie eigentümlich. Herrlicher Sonnenschein; ich sitze auf der Südseite, nachdem ich hinter der Hütte ein ausgiebiges nacktes Sonnenbad genommen habe, aber wie froh bin ich dennoch, den kleinen Ofen im Zimmer zu haben. Morgens und abends heize ich immer, so dass es sehr schön gemütlich ist. Heute morgen „agua gelada“, eisig kaltes Wasser, es kostet Überwindung sich zu waschen. Abwasch dann eben etwas später, wenn die Sonne das Wasser erwärmt hat.

Bereits die zweite Maus hat sich in der Falle gefangen, es kostet mich zwar Überwindung, aber ich entnehme sie bereits routiniert, werfe sie auf den Teller für die Hunde und befestige erneut den Fangmechanismus. Ich stelle mir vor, dass sie auch ein Leben haben. Zu diesem gehört eben, dass sie ihre Kötel in meiner Küche verstreuen und sich von meinen Vorräten ernähren.

Ich selbst ernähre mich von Pfifferlingen, dreimal bereits ernteten wir große Mengen (als Risotto mit Paprika, Möhren und etwas Fischresten ganz köstlich), den Rest trockne ich mal draußen oder abends auf dem Ofen. Heute Abend werden wir essen gehen.

Für Cockas, den ewig angebundenen Hund der Nachbarn, habe ich eine Hütte gebaut. Adelino brachte eine Tonne und Stroh und ich habe Schilfrohr zusammengebunden und die Hütte damit abgedeckt. Sieht sehr schön aus.

Heute Holz gesägt für meinen Ofen. Meine Holzvorräte stammen vom Sommer, als wir einen Nachmittag lang Holz machten. Beim Einschlag der Pinien bleiben die Kronen liegen um zu trocknen und dann irgendwann abgefackelt zu werden. Das ergibt noch sehr starke arm- und beindicke Äste als Brennholz. Wenn man die Besitzer fragt, kann man sich die Kronen klein schneiden und mitnehmen.

Herrliche Stimmung, es ist 15.30 h und ganz still. Der gegenüberliegende Wald wirft schon Schatten, es ist ganz klar, der Himmel tiefblau und das Meer kaum zu hören.

6. Dezember

Das Wasser in den Wasch- und Abwaschschüsseln war gefroren. Bin sehr früh, ca. 8 Uhr, losgegangen: Pluto begleitete mich, er entwickelt sich zu einem ausdauernden Begleiter, ist noch sehr zärtlichkeitsbedürftig und klagt das mit einer Pfotenbewegung ein, auch kann er bereits wie Nicki auf den Hinterbeinen sitzen. Wir gingen bis Aberta Nova und hatten viel Vergnügen. Hinzu war ich noch sehr angezogen wegen der Kälte, aber die Sonne stand an einem klaren Himmel. Fast in Aberta Nova zog ich dann die Hosen aus und ging mit nackten Beinen zurück. Die Hitze war sehr stark, wenngleich es einem auf der schattigen Rückseite immer ein bisschen kühl ist. Gefunden habe ich ein paar Muscheln, einen lila Seeigel und eine vollkommen intakte Kokosnuss. Gestern Abend bekam ich von Tobias, wo wir essen waren, gekochte Süßkartoffeln geschenkt. Das Mahl heute: Süßkartoffeln mit Pfifferlingen, zum Nachtisch Kokosnuss.

Gestern Nachmittag kam Adelino und wir gingen zur Lagune, um zu gucken, ob man schon rüberkommt. Noch immer läuft sie ins Meer, aber ziemlich flach, etwa bis zu den Knien und nicht sehr breit, ca. 5 Meter. Ich zog also die Schuhe aus, drüben waren S. und M. mit den Hunden. Adelino wollte starker Mann sein und mich tragen, was ich ablehnte. Also wollte dann er getragen sein, damit nicht beide Schuhe und Strümpfe ausziehen müssten. Ich kam mit ihm auf dem Buckel bis ca. 1 Meter vor dem anderen Ufer, dann geriet ich mit dem Fuß in eine Untiefe und knickte einfach weg, platsch, saßen wir beide im eiskalten Wasser. S. und M. wollten sich totlachen, wir lachten mit und gingen zusammen Kaffee trinken, wo wir noch J. trafen. Er hat’s nicht durchgehalten, nicht mehr zu trinken, wie schade.

7. Dezember, Sonntag

Blieb mehr oder weniger im Bett mit meinem Buch, draußen feuchte Trübnis, der Ofen bullert. Nachmittags kam Adelino und brachte ein Kilo frisches Schweinefleisch, außerdem ein zu Hause geklautes Brot und – wenn ich gewollt hätte – gebratene Leber und Herz. Er hat zwei Nächte nicht geschlafen und stresst sich dann damit, dass er mit mir schlafen will, was natürlich nicht geht; entsprechend noch frustrierter ist er.

Montag, 8.12.

Habe das Fleisch gebraten, Teile als Febras eingelegt in Knoblauch, Salz und Oregano, später die Soße angereichert mit geriebener Kokosnuss. Ein dickeres Teil als Carne guisado geschmort, mit getrockneten Pfifferlingen, Rosmarin, Zwiebeln und weiterem Oregano.

Die frischen Pilze schmecken am besten mit Tomatensauce (Paprika, Zwiebeln etc.) und Spaghetti oder als Risotto mit Gemüse. Lisette hat mir einige Pilze geschenkt, auf Deutsch Trompetenpilze. Sie muten fast an wie chinesische Morcheln, man findet sie in der Serra.

Ein Kilo Pfifferlinge war im Moment für zwei Mark zu verkaufen, da trockne ich lieber. Die alte Frau, die ihre Pfifferlinge zu Lisette brachte, sagte, diese taugten nicht zum Essen, man mache Medizin daraus. Offenbar kommt die wissendere Welt nur zu Gutem, wenn sie die Produzenten bzw. Erntenden in dem Glauben lässt, ihre Produkte taugten nicht zum Essen. Ich erinnere mich, dass die Generation meiner Eltern und Großeltern auch noch in dem Glauben aufwuchs, Butter sei nicht zum Essen da, sondern nur zum Verkaufen.

Mittwoch, 10.12.

Welch ein Genuss, gut zu vögeln, gut zu essen, Wein zu trinken und eine warme Stube zu haben, wenn draußen der Nebel steigt. Mit Adelino einige zärtliche Stunden im Bett gekuschelt. Er ist ein begnadeter Erzähler, bei dem mir nie langweilig wird. Die ganzen vorrevolutionären Geschichten, Analphabetismus und bittere Armut bei Salazar, Unterdrückung und Widerstand, schließlich 1974 die Nelkenrevolution. Erst danach war es gesetzlich möglich, ein kleines Stück Land zu kaufen, was Adelino dann auch tat. Auf diesen zwei Hektar hat er nun fast 1000 Obstbäume angepflanzt, ein Haus und einen großen Garten.

Zu essen gab es Paprika, Möhren und gebratenes Fleisch in Curry-Sahnesauce mit Banane an Reis. Paralleles Schmoren neuer mitgebrachter Fleischstücke als Carne guisado, beigefügt diesmal die schwarzen morchelähnlichen Pilze. Gestern war ich bei Adelino neugeborene Schweinchen gucken und ging zurück zu Fuß über den Garten, wo ich Rosenkohl erntete. In Moinho Vau fertigte ich eine Skizze der schmiedeeisernen Tür in der verlassenen Taberna an und ging von dort bis zu den Cafés auf der Straße. Plauderei mit dem Drechsler H. (habe für Mama ein Döschen aus Lorbeerholz gekauft und mit Trockenpilzen und getrockneten Feigen heute als Päckchen – 20 DM – fortgeschickt.

Weil der Nachmittag so schön war und das Meer so flach und die Hunde mich an der Lagune abholten, gingen wir zusammen noch bis fast Pinheirao um danach erschöpft zu Hause anzukommen.

Ich habe so viele Hundefreunde: drei bei Adelino, fünf hier bei mir, heute ließ sich der scheue vom „Lisboeta“ zum ersten Mal streicheln. Auch drüben auf der anderen Seite laufen immer alle zu mir. Was entgeht den Menschen in der Stadt: allein diese ganze gebende und nehmende Zärtlichkeit mit alten und jungen Hunden, Katzen, Schweinchen etc. Tim war vorhin hier und schlich um verschiedene offene Türen und Fenster. Schließlich legte er seinen Kopf außen aufs Fensterbrett und schaute zum Erbarmen komisch und zärtlichkeitsfordernd. Cockas hat gestern die neue Hütte fast zu Kleinholz gemacht. Tut er das aus Frust, Langeweile oder vielleicht, weil dann ich komme, alles wieder aufbaue und dabei einige Zärtlichkeiten für ihn abfallen?

Donnerstag, 11.12.

Jetzt bin ich schon drei Wochen hier. Heute erneut „Jagdtag“. Waren ca. zwischen Lisette und der Straße nach Grândola. Schöne Pfifferlingsernte. Adelino fuhr mich nach Aberta Nova und von da bin ich gelaufen, eine Pressglaskugel und viele Jakobsmuscheln, ein Netz. Es duftet im Haus nach brutzelnden und trocknenden Pfifferlingen. Welcher Reichtum. Das Meer gibt auch: traf Dentinho, der nachts etliches gefangen hat. Dentinho (Zähnchen) heißt so, weil seine Mutter bald nach seiner Geburt voller Stolz alle darauf hinwies, dass der Kleine bereits ein Zähnchen habe. Dentinho ist jetzt gut in seinen Dreißigern – der Name wird ihm bleiben bis er stirbt – oder die Gegend verlässt.

Ausflug an den Rio Sado (Natur- und Vogelschutzgebiet)

Wir fahren morgens um 8 Uhr mit dem Bus bis nach Comporta. Von dort gehen wir durch Reisfelder und entlang des Flusses bis nach Carrasqueira. Dort gibt es einen morbid schönen Flussboot-Hafen in leuchtenden Farben, der für sich schon (malen, fotografieren) den Ausflug lohnt. Restaurantbesuch, wo wir den besten Reis mit Meeresfrüchten der Region verspeisen. Wenn wir Glück haben, sehen wir Flamingos. Zurück wieder mit dem Bus. Gehzeit ca. 4-5 Std.

Aquarell von Sigrid BellackAquarell von Sigrid Bellack

Montag, 15.12.

Gestern habe ich herrliche Jakobsmuscheln gefunden am Strand zwischen Areias Brancas und Santo André. Mit Adelino gestritten, musste deshalb bis ganz nach Hause laufen, todmüde bei Sonnenuntergang angekommen.

Heute haben wir uns wieder versöhnt, wie wir ohnehin nie lange zerstritten sind. Er war gestern total übermüdet und ich prämenstruell. Heute hatte ich eine große Freude. Vor meiner Tür erschien Tim, etwas mager, melancholisch blickend wie immer, aber gesund. Gestern wurde er nämlich totgesagt von Antonio José. Cockas, dessen Hund, wurde Samstagabend tot aufgefunden, Ursache unbekannt. Vergiftung? Als ich mich Sonntag erkundigte, ob man schon mehr wisse, hieß es, Tim sei auch tot. Er habe getorkelt und sei nun abgängig. Ich weinte ein bisschen (jedenfalls so viel, dass ich wieder Nasenbluten bekam). Um so größer die Freude, Tim zu erblicken. Cockas ist nun hoffentlich im Hundehimmel, wo er herumtollen kann, wo keine Hühner leben. Es war aus meiner Sicht ein trauriges Leben, das er führen musste. Ein bisschen verantwortlich fühle ich mich auch für seinen Tod, dachte ich doch immer: besser tot, als so angebunden zu leben.

Gestern waren Wahlen. Die Kommunisten haben wieder die Mehrheit im Bezirk Grândola. Dass in ihrem Programm über Umwelt (obwohl sie mit den Grünen zusammen sind) nichts oder so gut wie nichts vorkommt, erstaunt schon. Heute kamen die Arbeiter der Gemeinde vorbei, um die toten Delfine zu entsorgen. Sie verbrennen sie mithilfe von Benzin und alten Reifen! Wie gesagt, zur Ökologie der Dünen – nichts. Gestern bei Santo André lag eine Riesen-Meeresschikldkröte, sicher 200 kg schwer. Selbst im Tod noch ein beeindruckendes Urtier.

Meine Träume: weiterhin Kreuzwege.

Heute aß ich Bohnen und Tomaten mit Fisch , Pilzen und Nüssen an Reis. Gestern gab’s nur Eier, abends war ich zu erschöpft zum Kochen.

Heute hörte ich, man (wer?) habe Gift in das Flüsschen und die Reisfelder gekippt, um die Süßwassergarnelen zu dezimieren. Antonio José sagte, viele Fische seien in der Lagune gestorben. Ist Cockas an den Fischen gestorben?

Donnerstag, 18.12.

Ein Monat ist vorbei, husch, genau wie vor vier Wochen lief über Nacht die Lagune aus; alle Boote liegen auf dem Trockenen, nur unseres ausnahmsweise nicht. Es fehlten zwar Ruder und Bodenbretter, wir fanden sie aber. Ein Ruder fehlt noch. Seit zwei Tagen gießt es wieder. Nachts unheimliche Gewitter, die Lagune war binnen drei Tagen wieder randvoll. Der Tätigkeiten im Freien sind deshalb Grenzen gesetzt: ich webe. Jeden Tag ein Stück von zwei Metern. Es macht mir Spaß. Heute Morgen haben Adelino und ich uns eingekuschelt: wie gemütlich, wenn der Ofen bullert und von oben der Regen aufs Dach prasselt. Gestern brachte er schon wieder Schokolade mit, ich esse sie mit Genuss und werde täglich runder, wie mir scheint. Ich blute immer noch, wenn nicht aus der Nase, dann von der Regel, praktisch blute ich seit vier Wochen täglich. Die bösen Träume haben erst mal aufgehört. Fühle mich ganz gut.

Montag, 22.12.

Gestern war Winteranfang und es war „tal equal“: trübe demais. Nachdem wir den halben Tag gekuschelt und ich den Rest des Tages verwebt habe, bin ich schließlich um 16 Uhr auf einen Gang. Es goss nicht mehr ständig, aber bei diesem Wetter kostet jeder Schritt. Weit und breit kein Mensch, ein paar Krähen und die obligatorischen Möwen.

Heute dafür umso schöner: hell, sonnig, klar. Wir waren in der Serra, ich blieb über Mittag und erntete kiloweise Pfifferlinge. Zurück über Sao Francisco mit herrlichen Aussichten auf und über die Serra aufs Meer. Fand einen Stein, links neben mir eine Herde Schafe, die klingelten und läuteten. Die Sonne beschien mich und ich sah bis Aberta Nova.

Für heute Abend habe ich Adelino nach Carrasqueira zum Arroz de Marisco eingeladen, obwohl ich noch köstliche Kürbissuppe habe (Kürbis und Chorico und Zwiebel und etwas Rote Bete; hineingeschnitten nach dem Passieren Kohlblätter und Möhren. Gewürze: Knoblauch, Pfeffer, Curry. Zum Schluss Sahne und ein Schüsschen Zucker und Essig, köstlich.

Habe Flohbisse, kein Wunder, die Tiere sind ständig hier und wollen Carinho, Zärtlichkeit.

Vor ein paar Tagen fand ich ein ca. 50 m langes Seil am Strand und fünf Schwimmer aus Kork und eine Cana da India. Ich bin eine absolute Sammlerin, süchtig nach mehr, beim Pilzesammeln wie beim Strandgang. Adelino brachte Orangen und Clementinen.

Mittwoch, Heiligabend

Am Montag telefonierte ich von Carrasqueira aus mit Rosel, bei mir ist alles o.k., aber sie sagte, Papa wäre im Krankenhaus. Habe Mama angerufen; er hatte binnen einiger Tage zwei Embolien. Ich bereite mich innerlich auf eine plötzliche Abreise vor, es dämpft mein allgemeines Empfinden, bin traurig, besorgt, meine Lunge ist belegt.

Gestern war ich mit Adelino in Santiago, Geld von der Reisfabrik holen, bekam vom Chef der alten Reismühle ein Kilo Reis geschenkt. Vorher waren wir Richtung Sines, wo ein altes Auto steht, das Adelinos Marke ist und wo er bereits das Getriebe gekauft hat. Es sind dort zwei Männer, die Vieh halten. Eine Meute Hunde, einer mit drei Beinen. Einige grau, etliche schwarz, alle mehr oder weniger Dackelgröße. Einer habe 15 Junge. Wir gingen mit in einen Stall, wo ein unbeschreiblicher Müll herumlag. „Sie sind wie Ratten“ beständig vor sich hinmurmelnd, suchte der Patrao die Jungen unter Holzhaufen, alten Kleidern, verrotteten Körben, schließlich fand er sieben: entzückend, schon mit offenen Augen, einer gelb und schlank, einer schwarz mit gelben Flecken über den Augen, einer grau, einer braun. Manche blieben sitzen wie die Padden, wo man sie hingesetzt hatte, manche waren neugierig und lebhaft. Adelinos Calcadinha ist auch aus dem Haufen.

Ein Mann, halb wie ein Zigeuner, kann die Jungen nicht totmachen. Angeblich wolle man sie verschenken. 15 Hunde. Mir scheint jetzt schon sicher, dass demnächst statt zehn oder zwölf dort 27 Hunde leben werden. Unter einem anderen halb verfallenen Dach stand ein eiserner Barbierstuhl, ein Schmuckstück. Daneben ein Tontopf. Adelino versuchte zum wiederholten Mal, dem Mann den Stuhl abzukaufen und gab ihm schließlich umgerechnet 50 DM, woraufhin er mir den Tontopf als Dreingabe schenkte. Für mich war also Weihnachten schon gestern. Im Topf waren allerdings noch uralte eingesalzene Sardinen, was bestialisch stank, etwa wie die verfaulenden Delfine am Meer.

Von Adelino bekam ich mein heutiges Weihnachtsessen – eine Kasserolle Arroz de Marisco – geschenkt. Ich habe ihm mein großes Eisenbett geschenkt, unter der Bedingung, dass er mir ein kleineres Bett besorgt - er leidet nachts; ich halte die Enge des Bettes für eine wichtige Ursache seiner Schlafstörungen und Schmerzen. Mein Bett ist deshalb bei ihm sinnvoll untergebracht.

Es waren zwei herrliche Tage voller Sonnenschein, ich trocknete draußen die Pilze und machte heute einen langen Gang bis über Pinheirao hinaus. Fand eine Glaskugel, habe jetzt 33 (plus die beiden in Berlin, die ich von Roselind geschenkt bekam).

Heute brachte Adelino ein Stück Fleisch, das ich morgen mit Pfifferlingen schmoren werde.

Dienstag, 30.12.

Habe mit Adelino einen Spaziergang gegen Nordwind am Meer entlang gemacht und jetzt zu Abend gegessen. Schon ist es etwas länger hell als sonst. Mein Essen: Pfifferlinge mit Fleisch, Möhren, Koriander an Reis. Dazu gebratene Rippchen. Das Fleisch von Adelinos Schwein ist wirklich selten gut, weil er es mit all dem runtergefallenen Obst seiner 1000 Obstbäume füttert. Vor meinem inneren Auge sah ich die unendlichen Obstalleen in Brandenburg, das Obst verfaulend im Straßengraben.

Manchmal überwältigt mich die Einsamkeit. Am Sonntag wollte Adelino eigentlich kommen und kam nicht. Ich fühlte mich sehr verlassen, hatte Rückreisegedanken, weinte und hatte mal wieder eine richtige Lebenskrise.

Adelino berichtete dann, dass er einen streunenden Hund erschießen musste, weil dieser und Calcadinha die Hühner fingen. Heute hat er Calcadinha erschossen, weil seine Frau tobte und auf die Hündin fluchte, weil sie bereits wieder ein Huhn am Wickel hatte. Er war traurig, kam sie doch vertrauensvoll und wedelnd auf ihn zu, als er sie erschoss. Aber besser so, als dass er sie ausgesetzt hätte, was er vorhatte. Das hätte ich nicht ertragen. Menschen, die sie getreten, verjagt, geprügelt hätten, ein Hundeleben. Meine Nachbarshunde – Tucha, Pluto und Tim – sind allerliebst. Heute balgten und bissen sie sich in Freundschaft. Es scheint großen Spaß zu machen. Tucha provoziert ihren Sohn Pluto, der beginnt dann zu beißen und zu knurren, sie wirft sich auf den Rücken um sofort wieder aufzuspringen und zurückzuzwicken. Das Spiel scheint wechselnd betrieben zu werden, sah ich doch abwechselnd Tim, Tucha und Pluto jeweils den „toten Hund“ machen.

Montag, 5.1.98

Heute Nacht ging zum zigsten Mal die Lagune auf, es ist wirklich ein bisschen regnerisch dieses Jahr. Adelino brachte Fleisch, Post und Wein und geht zum Aale-Fangen. Ich habe ihm eine Sitzbank für das Boot gebaut.

Tim weint; er ist jetzt angebunden, weil er den Hühnern nachgejagt hat. Anstatt die Hunde zu erziehen, werden sie angebunden. Nur die Kinder wehren sich. Linas Nicki war nie angebunden und Tiago will seinen Pluto auch frei haben.

Vom anderen Ufer klingeln die Schafsglocken, das Meer schlägt laut an den Strand; man hört die Aalfischer sich unterhalten. Wie überdimensionierte Frösche hocken sie in ihren Kähnen, den Rücken dem Wind zugewandt und in Pullover und Öljacken gewandet.

Am 1. Januar kam erst Elisa mit Fritos und dann Lucilha mit 6 Eiern, „damit ich mir einen Kuchen machen kann“. Wir waren noch mal in den Pilzen, diesmal fanden wir – im getrockneten Zustand ein Marmeladenglas voll – von den schwarzen „Fledermausohren“-Trompetenpilzen.

Was für ein herrlicher windstiller Abend!

Mittwoch, 7.1.98

Gestern Morgen waren wir in den Pilzen; es scheint, die Zeit ist langsam vorbei. Am Ausgang von Melides ließ ich mich absetzen und wollte auf einem Waldweg, den wir beide nicht genau kannten, bis Pinheirao gehen. Schließlich kam ich in Fontainhas raus und war praktisch zurückgelaufen. Dort lagen die Wiesen in zitronengelbem Klee, die weißen nackten Pappeln reckten sich zum schönen Himmel. Der Tag war stark an Gerüchen; klar, ein bisschen kalt, heiß in der Sonne. Ich ging bis zum Weg und diesen dann entlang bis Aberta Nova. Wo die Mimosen stehen, duftete es bereits sehr kräftig, obwohl die Blüten noch stark verknospt und fest geschlossen sind. Dann den ganzen langen Strand entlang, herrliche Sonne, keine Menschenseele; fand drei Kugeln, eine gläserne ohne „casaco“. Kurz vor der Vigía ein Pfiff und Adelino stand in den Dünen. Sonnten und liebten uns dann noch in unserer Düne; ich habe aber dieser Tage wenig Lust.

Abends waren wir mit J. und A. verabredet und aßen in Carrasqueira Arroz de Marisco. Drei Portionen, weil sie, laut J., nur „wie ein Vögelchen“ äße. Sie wollten das Essen zahlen, wir die Getränke, also kann man ja schlecht nach vier Portionen schreien. Ende vom Lied: sie aß genau wie wir alle, weil das Essen so gut ist. Dabei beständig darauf verweisend, dass diese Mariscos „Bomben“ seien, also sehr kalorienhaltig. Etwas ärgerlich: J. ist widerlich zu seiner Frau, wenn er betrunken ist. Und er ist es offenbar jeden Abend.

Gestern bin ich, da ich zweimal bis ins Dorf gelaufen bin, insgesamt sechs Stunden stramm gegangen. Entsprechend ausgelaugt fühle ich mich heute; bin praktisch nicht aufgestanden. Ein Tag ohne Wind, drückende Wolken, kalt, eklig. Und ich auch! Tim weint, das macht mich fertig. Ich dachte, ich bekäme meine Regel, weil ich mich so fühle, aber es kann zeitlich noch nicht sein. Wechsel, das ist es wohl.

Sonntag, 11.1.98

Ich nähe meine gewebte Decke zusammen und gehe in Gedanken meine Blumenernte des kommenden Sommers durch und wie ich sie vermarkte. Papa ist aus dem Krankenhaus und wieder zu Hause, es geht ihm ganz gut, hatte plötzlich ihn am Telefon, Überraschung auf beiden Seiten.

Machte neulich köstliche Fischbällchen aus Bacalhau: gekochte Kartoffeln durchpassieren, gekochten Bacalhau dazu, Zwiebel, Petersilie, Knoblauch. Braten am besten in schwimmendem Öl.

Vor einer Woche haben sie die Lagune erneut ins Meer abgelassen. Sechs, sieben Traktoren arbeiteten den ganzen Tag und schaufelten Berge von Sand zur Seite. Dann lief die Lagune aus. Die Leute beeilten sich, ihre Boote in die Mitte der Lagune zu befördern, wo ein Fluss übrig bleiben würde. Dann angelten sie mehrere Abende und Nächte hintereinander Aale. Sie saßen, Frauen wie Männer, meist einzeln in ihren Booten, blaugrün, ausgebleichtes türkis, ein, zwei rote, leuchtend im Abendlicht. Sie saßen im Heck ihres Bootes, den Rücken dem Meer und seinen kalten Winden zugewandt, in jeder Hand ein Stöckchen, an dem, aufgereiht auf einem Bändchen, Würmer befestigt waren. An den Würmern versuchen sich die Aale. Dann spürt die Hand oben ein Zippen, ein leichtes Ziehen und – schwupp – zieht sie mit einer schwungvollen Bewegung Schnur samt Wurm und Aal ins Boot; der Stock beschreibt dabei einen Halbkreis, der Aal lässt seinen Wurm los und – landet am Boden des Bootes, wo er sich mit dort schon vorher hinverbrachten Artgenossen zu einem zuckenden, sich beständig windenden Knäuel vereinigt. Das Knäuel trachtet sich unter Planken und Eimern zu bergen. Am Ende einer solchen Ernte schöpfen Fischer wie Fischerin ihre Aale mit einem Gefäß, einem größeren Plastikbehälter etwa, in den bereitstehenden Eimer, nicht ohne die Planken anzuheben und auch sich in fernste Ecken geflüchtet habende Exemplare einzusammeln. So manch einer, der versuchte, die Aale etwa mit den Händen aufzusammeln, machte die Erfahrung, dass sich das Sprichwort „glatt wie ein Aal“ tatsächlich hier bei einem solchen Ansinnen gebildet haben muss. Die Aale lassern sich buchstäblich nicht fassen und glitschen einem aus der Hand. Es gibt nur noch wenige professionelle Aalfischer, die diese in Reusen und Netzen fangen. Vor ca. 50 Jahren waren die Aale noch lang und dick „wie ein Arm“, so die Alten.

Ein Passieren zu Fuß zum gegenüberliegenden Ufer , wo Cafés und ein wenig Tourismus mein Bedürfnis nach lebhafterer Kulisse sonst befriedigen, war in diesen Tagen der auslaufenden Lagune nicht möglich. Als ich es einmal – vor der Zeit – versuchte, scheiterte ich kläglich in einer brusthoch anbrandenden Welle. Mein neues Fernglas, Geschenk meiner Familie, ist seitdem rechtsseitig blind. Ein zu Rate gezogener Uhrmacher in der Stadt, sonst Meister seines Fachs, tat sein Bestes, doch scheiterte an den nicht vorhandenen Möglichkeiten zur Öffnung eines solch modernen Gerätes.

Einmal, am zweiten Tag nach Öffnung der Lagune zum Meer, setzten wir mit dem roten Boot über. Mein Freund und der Vater der jungen Wirtin brachen sogleich in eine heftige Debatte über Sinn und Unsinn des Auslaufenlassens zu diesem späten Termin aus. Er erzählte, die Kinder hätten zwischen 40 und 50 Eier von im Schilf brütenden Vögeln eingesammelt, einige versuche man nun mithilfe von starken Taschenlampen , hier und da auch mit einer Infrarotlampe, gewissermaßen auszubrüten. Er zeigte uns vier kleine Wasserhühner, die am Tag zuvor geschlüpft waren.

Das erneute Auslaufen der Lagune wird von den Reisbauern forciert, wenn nach dem ersten Öffnen im März/April starke Regenfälle die Lagune wieder haben anschwellen lassen und sie die zuvorderst Richtung Meer liegenden Reisfelder überschwemmt. Eine Aussaat ist dann nicht möglich und der ökonomische Aspekt bewegt noch jede Behörde, Genehmigungen zu erteilen – gegen Ökologie und Natur.

Wanderung zur Hl. Jungfrau vom Livramento

Wir gehen durch die Reisfelder und steigen über einen Waldweg nach Vale Figueira hinauf (Kaffeepause). Von dort zum Livramento (300 m hoch, Ruine einer Kirche), von wo man einen fantastischen Blick über Ansiedlungen, Serra und Meer hat. Über teils wilde Wasser begleitende bzw. kreuzende Wanderwege (blühende Sträucher und Erdbeerbäume, Stechpalme, Myrte, Oregano) gelangen wir wieder nach Melides. Abendessen im Restaurant oder Selbstverpflegung. Ca. 6-7 Std. Gehzeit.

Aquarell von Sigrid BellackAquarell von Sigrid BellackAquarell von Sigrid Bellack

Dieses Kapitel endet, wie kann es anders sein, mit dem vagabundierenden Kapital, das eine Zuflucht sucht.

Die alten, liebenswerten Portugiesen, die mir ihr Grundstück für meinen Bauwagen quasi kostenlos überlassen hatten – ab und zu brachte ich ein kleines Geschenk vorbei – hatten schon lange angekündigt, dass sie das Land verkaufen wollten. Meine Hütte war ohnehin inzwischen baufällig, so nah am Meer hält Holz nicht ewig. Der Lissabonner Nachbar bot mir auf seinem Grundstück eine Zuflucht an; ich ließ von einem Handwerker ein winziges, wieder ca. 12 qm großes einfaches Holzhäuschen bauen. Diesmal sah ich das Meer von ferne, hatte wieder mein schönes Fenster nach Süden – und war glücklich. Nach ca. einem Jahr bekam ich eine E-Mail, es täte ihm leid, er habe unvorhergesehen sein Grundstück verkaufen müssen, der neue Besitzer habe keinen Bedarf für meine Hütte. Das Gerücht ging, der Lissabonner hätte 780.000 Euro für sein höchstens 2000 qm großes Grundstück samt Häuschen bekommen. Wie ich heute weiß, hat ein französischer Schumacher mit seinen Stilettos für die Schönen und Reichen offenbar so viel Geld gemacht, dass er sich dieses kleine Grundstück ungefähr das Doppelte des Marktwertes kosten lassen konnte. Die Bauvorschriften auf „meiner“ abgelegenen Seite der Lagune sind rigide und er hätte auf den bereits in seinem Besitz befindlichen Grundstücken – u.a. das, auf dem bisher mein Bauwagen stand – entweder gar nicht oder nicht mehr als die bisherigen Bestandsgrößen von ca. 50 qm bauen dürfen. Der Schuster hat, wie ich höre, inzwischen alle verfügbaren Grundstücke aufgekauft, allerdings – Überraschung – alle Häuser im traditionellen portugiesischen Bauernhausstil neu bauen lassen. Wie wir hören, zur Vermietung oder Zurverfügungstellung an die Freunde aus der Glitzerwelt der Hautevolée. Ob die auch zu Fuß gehen wie ich? Schwierig mit den Stilettos. Oder werden sie mit Hubschraubern, Quads, Geländewagen die „schöne unberührte Landschaft“ erkunden? Mir hat jedenfalls von dem vielen Geld weder der neue noch der alte Besitzer 2000 Euro für meine nagelneue Hütte zahlen wollen. Ich habe sie dann an Freunde verschenkt, die sie abgebaut haben.

Ich stehe unter Schock. Ein ca. 500 Meter vom Meer entferntes Grundstück mit einem 30 Jahre alten wunderschönen, gepflegten Landhaus, Wein- und Bienenstöcken, ca. 150 qm Wohnfläche mit Blick auf die Lagune, in dem ich im Frühling noch zu Gast war, ist auch verkauft worden. Wie es heißt, an eine ältere Argentinierin, die gerne mit dem Quad wilde Ausflüge in die Dünenlandschaft mache. Ich weiß nicht, was sie bezahlt hat, unter einer halben Million Euro wird es nicht gewesen sein – jetzt, ein halbes Jahr später ist das Grundstück komplett abgeräumt, kein Haus mehr, kein Garten mehr, nichts, nur unsere Erinnerungen.

Ich esse den letzten Honig aus der Bienenzucht der ehemaligen Besitzer. Mit ihrem Landhaus haben sie sich, als Arbeitsmigranten einst aus Portugal nach Frankreich gezogen, nach jahrzehntelanger Arbeit den Traum eines Lebens am Meer erfüllen können. Das jetzige „argentinische“ Geld, das ziemlich wahrscheinlich nicht durch die Arbeit seiner Besitzerin erwirtschaftet wurde, kann es sich leisten, Werte einfach so zu vernichten. Es ist offenbar genug davon da.

1974 machten die Portugiesen eine Revolution, um gegen den Faschismus und – besonders im Alentejo – die agrarischen Latifundien aufzubegehren. 40 Jahre später wird das – diesmal internationale – Geld wieder in in der Krise eher unproduktiven riesigen Land- und Immobilienbesitzen geparkt.

Ich traf noch einmal meine alten portugiesischen Nachbarn. Sie gehen jetzt auf die 80 zu und scheinen entschlossen, vorerst nicht zu verkaufen. Sie werden die Letzten sein, die authentisch in der alten Kultur leben, als Fischer und Gärtner an der Lagune. Ich durfte 20 Jahre lang als Gast dabei sein und wir teilten Bescheidenheit, Wind, Sonne, Licht – und die „Stille“ des rauschenden Meeres.

Vollmond

Mein Geliebter fuhr sein leuchtend aprikosenrotes Boot just in dem Moment über die Lagune – um es später nicht auf dem Trockenen zu haben – als am drübigen Ufer sich dottergelb ein dicker Mond über den Waldsaum zu schieben begann. Das Boot leuchtete im Widerschein der untergehenden Sonne, ein flüchtiger Moment, das Boot vor dem schwarze Schatten werfenden Wald und dem steigenden und das pralle Gelb schnell verlierenden Mond.

29. November

Der Abend war lau wie eine Sommernacht und so trat ich noch zu meinen Nachbarn, die die Netze ordneten. Da sagte ich, sehen Sie, es brennt, ein großes Feuer. Die Nachbarin blickt hoch und sagt, ich sehe nichts, ich bin zu klein. Er, nicht größer als sie, steigt aus dem Boot zu mir herauf, guckt und lacht, das ist der Mond. Und da steigt er, eine flammendrote dicke Kugel auf über der Serra von Grândola, und das Meer rauscht heftiger.

Von der Lagune in die Berge

Mit dem Bus um 10 Uhr an die Lagune von St. André. Von dort über Wanderwege (appetitliche Orangenhaine, vorbei an herrlichen alten Olivenbäumen) Richtung Vale Figueira (vorzeitliche Ruinen). Abends Restaurant oder Selbstverpflegung. Gehzeit ca. 5-6 Std.

Aquarell von Sigrid BellackAquarell von Sigrid BellackAquarell von Sigrid Bellack